Wilhelm Tell · Friedrich Schiller · Vierter Aufzug, dritte Szene

Wilhelm Tell: „Durch diese hohle Gasse muß er kommen“

Figuren
Wilhelm Tell
Länge
357 Wörter, 3 Min. laut gesprochen
 
Männerrolle
 
Drama

Die Situation

Die hohle Gasse bei Küßnacht. Tell wartet mit der Armbrust auf den Landvogt Geßler, der ihn gezwungen hat, den Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schießen. Der stille Jäger rechtfertigt vor sich selbst den ersten Mord seines Lebens. Hier der erste Teil des Monologs, bis zum Schwur auf die Bogensehne.

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Der Text

tritt auf mit der Armbrust

Wilhelm TellDurch diese hohle Gasse muß er kommen,Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht – HierVollend ichs – Die Gelegenheit ist günstig.Dort der Hollunderstrauch verbirgt mich ihm,Von dort herab kann ihn mein Pfeil erlangen,Des Weges Enge wehret den Verfolgern.Mach deine Rechnung mit dem Himmel Vogt,Fort mußt du, deine Uhr ist abgelaufen.Ich lebte still und harmlos – Das GeschoßWar auf des Waldes Thiere nur gerichtet,Meine Gedanken waren rein von Mord –Du hast aus meinem Frieden mich herausGeschreckt, in gährend Drachengift hast duDie Milch der frommen Denkart mir verwandelt,Zum Ungeheuren hast du mich gewöhnt –Wer sich des Kindes Haupt zum Ziele sezte,Der kann auch treffen in das Herz des Feinds.Die armen Kindlein, die unschuldigen,Das treue Weib muß ich vor deiner WuthBeschützen, Landvogt – Da, als ich den BogenstrangAnzog – als mir die Hand erzitterte –Als du mit grausam teufelischer LustMich zwangst, aufs Haupt des Kindes anzulegen –Als ich ohnmächtig flehend rang vor dir,Damals gelobt’ ich mir in meinem InnernMit furchtbarm Eidschwur, den nur Gott gehört,Daß meines nächsten Schusses erstes ZielDein Herz seyn sollte – Was ich mir gelobtIn jenes Augenblickes Höllenqualen,Ist eine heilge Schuld, ich will sie zahlen.Du bist mein Herr und meines Kaisers Vogt,Doch nicht der Kaiser hätte sich erlaubt,Was du – Er sandte dich in diese Lande,Um Recht zu sprechen – strenges, denn er zürnet –Doch nicht um mit der mörderischen LustDich jedes Greuels straflos zu erfrechen,Es lebt ein Gott zu strafen und zu rächen.Komm du hervor, du Bringer bittrer Schmerzen,Mein theures Kleinod jezt, mein höchster Schatz –Ein Ziel will ich dir geben, das bis jeztDer frommen Bitte undurchdringlich war –Doch dir soll es nicht widerstehn – Und duVertraute Bogensehne, die so oftMir treu gedient hat in der Freude Spielen,Verlaß mich nicht im fürchterlichen Ernst.Nur jezt noch halte fest du treuer Strang,Der mir so oft den herben Pfeil beflügelt –Entränn er jetzo kraftlos meinen Händen,Ich habe keinen zweiten zu versenden.

Text: de.wikisource.org. Gemeinfrei. Ausgabe: Schiller, Wilhelm Tell, Cotta, Tübingen 1804 (Transkription: Wikisource). Text herunterladen

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