Die Räuber · Friedrich Schiller · Erster Akt, erste Szene
Franz hat dem alten Moor einen gefälschten Brief über seinen Bruder Karl vorgelesen und ihn aus dem Zimmer getrieben. Allein geblieben, legt er seine Rechnung offen: die Natur, die ihn hässlich und als Zweiten geboren hat, das Gewissen, die Blutliebe. Aus dem Eröffnungsmonolog des Schurken, gekürzt auf den Kern.
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Franz MoorIch habe grosse Rechte, über die Natur ungehalten zu seyn, und bey meiner Ehre! ich will sie geltend machen. – Warum bin ich nicht der erste aus Mutterleib gekrochen? Warum nicht der Einzige? Warum mußte sie mir diese Bürde von Häßlichkeit aufladen? gerade mir? Nicht anders als ob sie bey meiner Geburt einen Rest gesezt hätte? Wann gerade mir die Lappländers Nase? Gerade mir dieses Mohrenmaul? Diese Hottentotten Augen? Wirklich ich glaube sie hat von allen Menschensorten das Scheußliche auf einen Hauffen geworffen, und mich daraus gebacken. Mord und Tod! Wer hat ihr die Vollmacht gegeben jenem dieses zu verleyhen, und mir vorzuenthalten? Könnte ihr jemand darum hofiren, eh er entstund? Oder sie beleidigen, eh er selbst wurde? Warum geing sie so parteylich zu Werke? Nein! Nein! Ich thu ihr Unrecht. Gab sie uns doch Erfindungs-Geist mit, setzte uns nackt und armselig ans Ufer dieses grossen Ozeans Welt – Schwimme, wer schwimmen kann, und wer zu plump ist geh unter! Sie gab mir nichts mit; wozu ich mich machen will, das ist nun meine Sache. Jeder hat gleiches Recht zum Grösten und Kleinsten, Anspruch wird an Anspruch, Trieb an Trieb, und Krafft an Krafft zernichtet. Das Recht wohnet beym Ueberwältiger, und die Schranken unserer Krafft sind unsere Geseze. Wohl gibt es gewiße gemeinschafftliche Pakta, die man geschloßen hat, die Pulse des Weltzirkels zu treiben. Ehrlicher Nahme! – wahrhaftig eine reichhaltige Münze mit der sich meisterlich schachern läßt, wers versteht, sie gut auszugeben. Gewissen, – o ja freilich! ein tüchtiger Lumpenmann, Sperlinge von Kirschbäumen wegzuschröken! – auch das ein gut geschriebener Wechselbrief mit dem auch der Bankerotirer zur Noth noch hinauslangt. In der That, sehr lobenswürdige Anstalten, die Narren im Respekt und den Pöbel unter dem Pantoffel zu halten, damit die Gescheiden es desto bequemer haben. Ohne Anstand, recht schnakische Anstalten! Kommen wir für, wie die Hecken die meine Bauren gar schlau um ihre Felder herumführen. daß ja kein Haase drüber sezt, ja beileibe kein Haase! – Aber der gnädige Herr gibt seinem Rappen den Sporn, und galoppirt weich über der Weyland Aerndte. Armer Haase! Es ist doch eine jämmerliche Rolle, der Haase seyn müßen auf dieser Welt – Aber der gnädige Herr braucht Haasen! Also frisch drüber hinweg! Wer nichts fürchtet, ist nicht weniger mächtig als der, den alles fürchtet.
Text: de.wikisource.org. Gemeinfrei. Ausgabe: Schiller, Die Räuber, Erstdruck, Frankfurt und Leipzig 1781 (Transkription: Wikisource). Text herunterladen
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