Iphigenie auf Tauris · Johann Wolfgang von Goethe · Erster Aufzug, erster Auftritt

Iphigenie: „Heraus in eure Schatten, rege Wipfel“

Figuren
Iphigenie
Länge
363 Wörter, 3 Min. laut gesprochen
 
Frauenrolle
 
Drama

Die Situation

Hain vor Dianens Tempel auf Tauris. Iphigenie, Priesterin wider Willen, tritt aus dem Tempel und spricht aus, was sie jahrelang verschwiegen hat: das Heimweh nach Griechenland und das Los der Frau, die nirgends über sich bestimmt. Der Eröffnungsmonolog, in Blankversen.

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Der Text

IphigenieHeraus in eure Schatten, rege WipfelDes alten, heil’gen, dichtbelaubten Haines,Wie in der Göttinn stilles Heiligthum,Tret’ ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl,Als wenn ich sie zum erstenmal beträte,Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.So manches Jahr bewahrt mich hier verborgenEin hoher Wille, dem ich mich ergebe;Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten,Und an dem Ufer steh’ ich lange Tage,Das Land der Griechen mit der Seele suchend;Und gegen meine Seufzer bringt die WelleNur dumpfe Töne brausend mir herüber.Weh dem, der fern von Eltern und GeschwisternEin einsam Leben führt! Ihm zehrt der GramDas nächste Glück vor seinen Lippen weg.Ihm schwärmen abwärts immer die GedankenNach seines Vaters Hallen, wo die SonneZuerst den Himmel vor ihm aufschloß, woSich Mitgeborne spielend fest und festerMit sanften Banden aneinander knüpften.Ich rechte mit den Göttern nicht; alleinDer Frauen Zustand ist beklagenswerth.Zu Haus’ und in dem Kriege herrscht der MannUnd in der Fremde weiß er sich zu helfen.Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg;Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet.Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück!Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen,Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie garEin feindlich Schicksal in die Ferne treibt!So hält mich Thoas hier, ein edler Mann,In ernsten, heil’gen Sklavenbanden fest.O wie beschämt gesteh’ ich, daß ich dirMit stillem Widerwillen diene, Göttinn,Dir meiner Retterinn! Mein Leben sollteZu freyem Dienste dir gewidmet seyn.Auch hab’ ich stets auf dich gehofft und hoffeNoch jetzt auf dich Diana, die du mich,Des größten Königes verstoßne Tochter,In deinen heil’gen, sanften Arm genommen.Ja, Tochter Zevs, wenn du den hohen Mann,Den du, die Tochter fodernd, ängstigtest;Wenn du den göttergleichen Agamemnon,Der dir sein Liebstes zum Altare brachte,Von Troja’s umgewandten Mauern rühmlichNach seinem Vaterland zurückbegleitet,Die Gattinn ihm, Elektren und den Sohn,Die schönen Schätze, wohl erhalten hast;So gib auch mich den Meinen endlich wieder,Und rette mich, die du vom Tod’ errettet,Auch von dem Leben hier, dem zweyten Tode.

Text: www.deutschestextarchiv.de. Gemeinfrei. Ausgabe: Goethe, Iphigenie auf Tauris, Göschen, Leipzig 1787 (Text nach dem Deutschen Textarchiv). Text herunterladen

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