Dantons Tod · Georg Büchner · Erster Akt

Marion: „Meine Mutter war eine kluge Frau“

Figuren
Marion
Länge
486 Wörter, 4 Min. laut gesprochen
 
Frauenrolle
 
Drama

Die Situation

Ein Zimmer; Danton bei Marion, einer Grisette. Er will sie küssen, sie will erst erzählen: wie sie ihren Körper entdeckte, der junge Mann, der sich ihretwegen ertränkte, die Mutter, die vor Gram starb. Eine Frau, die sich selbst erklärt, ohne sich zu entschuldigen. Gekürzt vor dem letzten Satz.

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Der Text

MarionNein, laß mich einmal so. Meine Mutter war eine kluge Frau; sie sagte mir immer: die Keuschheit sei eine schöne Tugend. Wenn Leute in’s Haus kamen, und von manchen Dingen zu sprechen anfingen, hieß sie mich aus dem Zimmer gehen; frug ich, was die Leute gewollt hatten, so sagte sie: ich solle mich schämen; gab sie mir ein Buch zu lesen, so mußte ich fast immer einige Seiten überschlagen. Aber die Bibel las ich nach Belieben, da war Alles heilig; aber es war etwas darin, was ich nicht begriff, ich mochte auch Niemand fragen, ich brütete über mir selbst. Da kam der Frühling, es ging überall etwas um mich vor, woran ich keinen Theil hatte. Ich gerieth in eine eigene Atmosphäre, sie erstickte mich fast. Ich betrachtete meine Glieder, es war mir manchmal, als wäre ich doppelt und verschmölze dann wieder in Eins. Ein junger Mensch kam zu der Zeit in’s Haus; er war hübsch und sprach oft tolles Zeug, ich wußte nicht recht, was er wollte, aber ich mußte lachen. Meine Mutter hieß ihn öfters kommen, das war uns beiden recht. Endlich sahen wir nicht ein, warum wir nicht eben so gut auf — sonst eine Art uns miteinander unterhalten, als bloß auf zwei Stühlen neben einander sitzen dürften. Ich sah nicht ab, warum man mir das Geringere gewähren und das Größere entziehen wollte. Aber ich wurde wie ein Meer, was Alles verschlang und sich tiefer und tiefer wühlte. Es war für mich nur Ein Gegensatz da, alle Männer verschmolzen in Einen Leib. Meine Natur war einmal so, wer kann da drüber hinaus? Endlich merkt’ er’s. Er kam eines Morgens und küßte mich, als wollte er mich ersticken; seine Arme schnürten sich um meinen Hals, ich war in unsäglicher Angst. Da ließ er mich los, und lachte, und sagte: er hätte fast einen dummen Streich gemacht, ich solle mein Kleid nur behalten und es brauchen, es würde sich schon von selbst abtragen, er wolle mir den Spaß nicht vor der Zeit verderben, es wäre doch das Einzige, was ich hätte. Dann ging er, ich wußte wieder nicht, was er wollte. Den Abend saß ich am Fenster, ich bin sehr reizbar und hänge mit Allem um mich nur durch eine Empfindung zusammen; ich versank in die Wellen der Abendröthe. Da kam ein Haufe die Straße herab, die Kinder liefen voraus, die Weiber sahen aus den Fenstern. Ich sah hinunter, sie trugen ihn in einem Korb vorbei, der Mond schien auf seine bleiche Stirn, seine Locken waren feucht, er hatte sich ersäuft. Ich mußte weinen. Das war der einzige Bruch in meinem Wesen. Die andern Leute haben Sonn- und Werktage, sie arbeiten sechs Tage und beten am siebenten, sie sind jedes Jahr auf ihrem Geburtstag einmal gerührt und denken auf Neujahr einmal nach. Ich begreife nichts davon; ich kenne keinen Absatz, keine Veränderung; ich bin immer nur eins, ein ununterbrochenes Sehnen und Fassen, eine Gluth, ein Strom.

Text: www.deutschestextarchiv.de. Gemeinfrei. Ausgabe: Büchner, Danton’s Tod, Sauerländer, Frankfurt am Main 1835 (Text nach dem Deutschen Textarchiv). Text herunterladen

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