Maria Stuart · Friedrich Schiller · Vierter Aufzug, zehnter Auftritt
Vierter Aufzug, Elisabeth allein. Das Todesurteil für Maria liegt auf dem Tisch. Elisabeth hadert mit dem Volk, dessen Gunst sie braucht, mit Maria, die ihr alles streitig macht, mit dem Makel ihrer Geburt. Sie redet sich zur Unterschrift und unterschreibt. Den Befehl, das Urteil zu vollstrecken, gibt sie nicht.
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Elisabeth allein
ElisabethO Sklaverei des Volksdiensts! SchmählicheKnechtschaft – Wie bin ichs müde, diesem GötzenZu schmeicheln, den mein Innerstes verachtet!Wann soll ich frei auf diesem Throne stehn!Die Meinung muß ich ehren, um das LobDer Menge buhlen, einem Pöbel muß ichsRecht machen, dem der Gaukler nur gefällt.O der ist noch nicht König, der der WeltGefallen muß! Nur der ist’s, der bei seinem ThunNach keines Menschen Beifall braucht zu fragen.Warum hab’ ich Gerechtigkeit geübt,Willkühr gehaßt mein Leben lang, daß ichFür diese erste unvermeidlicheGewaltthat selbst die Hände mir gefesselt!Das Muster, das ich selber gab, verdammt mich!War ich tyrannisch, wie die spanischeMaria war, mein Vorfahr auf dem Thron, ich könnteJetzt ohne Tadel Königsblut versprützen!Doch war’s denn meine eigne freie Wahl,Gerecht zu seyn? Die allgewaltigeNothwendigkeit, die auch das freie WollenDer König zwingt, gebot mir diese Tugend.Umgeben rings von Feinden hält mich nurDie Volksgunst auf den angefochtnen Thron.Mich zu vernichten streben alle MächteDes festen Landes. Unversöhnlich schleudertDer röm’sche Papst den Bannfluch auf mein Haupt,Mit falschem Bruderkuß verräth mich Frankreich,Und offnen, wüthenden VertilgungskriegBereitet mir der Spanier auf den Meeren.So steh’ ich kämpfend gegen eine Welt,Ein wehrlos Weib! Mit hohen TugendenMuß ich die Blöße meines Rechts bedecken,Den Flecken meiner fürstlichen Geburt,Wodurch der eigne Vater mich geschändet.Umsonst bedeck’ ich ihn – Der Gegner HaßHat ihn entblößt, und stellt mir diese Stuart,Ein ewig drohendes Gespenst, entgegen.Nein, diese Furcht soll endigen!Ihr Haupt soll fallen. Ich will Frieden haben!– Sie ist die Furie meines Lebens! MirEin Plagegeist vom Schicksal angeheftet.Wo ich mir eine Freude, eine HoffnungGepflanzt, da liegt die Höllenschlange mirIm Wege. Sie entreißt mir den Geliebten,Den Bräut’gam raubt sie mir! (Maria Stuart) ,Heißt jedes Unglück, das mich niederschlägt!Ist (sie) aus den Lebendigen vertilgt,Frei bin ich, wie die Luft auf den Gebirgen.
Stillschweigen
ElisabethMit welchem Hohn sie auf mich nieder sah,Als sollte mich der Blick zu Boden blitzen!Ohnmächtige! Ich führe beßre Waffen,Sie treffen tödlich und du bist nicht mehr!
Mit raschem Schritt nach dem Tisch gehend und die Feder ergreifend
ElisabethEin Bastard bin ich dir? – Unglückliche!Ich bin es nur, so lang (du) lebst und athmest.Der Zweifel meiner fürstlichen Geburt,Er ist getilgt, sobald ich (dich) vertilge.Sobald dem Britten keine Wahl mehr bleibt,Bin ich im ächten Ehebett’ geboren!
Sie unterschreibt mit einem raschen, festen Federzug, läßt dann die Feder fallen, und tritt mit einem Ausdruck des Schreckens zurück. Nach einer Pause klingelt sie
Text: de.wikisource.org. Gemeinfrei. Ausgabe: Schiller, Maria Stuart, Cotta, Tübingen 1801 (Transkription: Wikisource). Text herunterladen
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