Emilia Galotti · Gotthold Ephraim Lessing · Vierter Aufzug, siebenter Auftritt

Gräfin Orsina: „Stecken Sie bey Seite!“

Figuren
Gräfin Orsina
Länge
214 Wörter, 2 Min. laut gesprochen
 
Frauenrolle
 
Drama

Die Situation

Lustschloss Dosalo. Die Gräfin Orsina, die verstoßene Geliebte des Prinzen, hat begriffen, dass der Prinz Emilias Bräutigam ermorden ließ. Sie drückt dem alten Odoardo Galotti einen Dolch in die Hand und sagt ihm, was er noch nicht glauben will. Kalt, witzig, verzweifelt: Lessings große Frauenrolle.

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Der Text

Gräfin OrsinaStecken Sie bey Seite! geschwind bey Seite! – Mir – wird die Gelegenheit versagt, Gebrauch davon zu machen. Ihnen wird sie nicht fehlen, diese Gelegenheit: und Sie werden sie ergreifen, die erste, die beste, – wenn Sie ein Mann sind. – Ich, ich bin nur ein Weib: aber so kam ich her! Fest entschlossen! – Wir, Alter, wir können uns alles vertrauen. Denn wir sind beide beleidiget; von dem nehmlichen Verführer beleidiget. – Ah, wenn Sie wüßten, – wenn Sie wüßten, wie überschwänglich, wie unaussprechlich, wie unbegreiflich ich von ihm beleidiget worden, und noch werde: – Sie könnten, Sie würden Ihre eigene Beleidigung darüber vergessen. – Kennen Sie mich? Ich bin Orsina; die betrogene, verlassene Orsina. – Zwar vielleicht nur um Ihre Tochter verlassen. – Doch was kann Ihre Tochter dafür? – Bald wird auch sie verlassen seyn. – Und dann wieder eine! – Und wieder eine! – Ha! (wie in der Entzückung) welch eine himmlische Phantasie! Wann wir einmal alle, – wir, das ganze Heer der Verlassenen, – wir alle in Bacchantinnen, in Furien verwandelt, wenn wir alle ihn unter uns hätten, ihn unter uns zerrissen, zerfleischten, sein Eingeweide durchwühlten, – um das Herz zu finden, das der Verräther einer jeden versprach, und keiner gab! Ha! das sollte ein Tanz werden! das sollte!

Text: de.wikisource.org. Gemeinfrei. Ausgabe: Lessing, Emilia Galotti, Voß, Berlin 1772 (Transkription: Wikisource). Text herunterladen

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